Ilayda Kaplan: "Unsere Generation muss die Probleme der Gesellschaft thematisieren"

 

Ilayda Kaplan ist Fotografin und studiert Kulturwissenschaften an der Euroopauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder). Gemeinsam mit Nilgün Akinci hat die 23-Jährige das Fotoprojekt „Shades of Persistence“ ins Leben gerufen, in dem sie engagierte Kopftuchträgerinnen porträtiert, um auf die Vielfalt und die Konflikte innerhalb der muslimischen Community aufmerksam zu machen.

 

Mit SWANS spricht sie darüber, wie Musliminnen mehr zusammenhalten müssen und über die Verantwortung der jüngeren Generation, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Das Gespräch führte Maycaa Hannon.

 

SWANS: In deinem Fotoprojekt „Shades of Persistence“ porträtierst du verschiedene Frauen, die Hijab oder Turban tragen.  Wie bist du auf die Idee gekommen?

 

Kaplan: Ich habe viele Freundinnen, die sich als Kopftuchträgerinnen bezeichnen. Sie tragen es in den unterschiedlichsten Formen, so wie sie es für schön empfinden.

Das Kopftuch ist ein viel diskutiertes Thema in den Medien, aber der Diskussionsverlauf hat nie das wiedergespiegelt, was ich über meine Freundinnen oder andere Kopftuch tragenden Frauen gelernt habe: Sie sind alle schöne, unabhängige, intelligente und emanzipierte Frauen, von denen ich viel lerne. Diese Repräsentation hat mir gefehlt. Ich wollte mit dem Projekt diese Vielfalt vor Augen führen.

 

Was mir auch wichtig war: Ich wollte zeigen, dass Frauen mehr zusammenhalten müssen. Das ist ein großes Thema, das viele Frauen beschäftigt, aber die Kopftuchtragenden der muslimischen Community trifft es besonders. In jeder Feminismus-Debatte lautet der Grundkonsens: "Frauen müssen zusammenhalten". Die Wahrheit ist für sie zurzeit weit davon entfernt: Kopftuchtragende Frauen werden von vielen nicht ernstgenommen. Zusätzlich gibt es noch die Unterschiede innerhalb der muslimischen Community - einige werden ausgegrenzt aufgrund ihrer Art, das Kopftuch zu tragen. Meiner Meinung nach sollten wir diese Frauen aufgrund ihrer Diversität feiern. Deswegen habe ich “Shades of Persistence“ begonnen.

 

SWANS: Welche Reaktionen hast du auf dieses Projekt bekommen? Wie kam es an?

 

Kaplan: In meinem persönlichen Umfeld waren die Reaktionen sehr positiv. Es kam mir viel Dankbarkeit und Unterstützung entgegen. Das hat mich sehr motiviert und mir die Bestätigung gegeben, dass das Projekt einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leistet.

 

Außerhalb meines persönlichen Umfelds war das etwas anders. Da fällt mir sofort die Kommentarspalte ein, als ich dem Magazin Edition F ein Interview gegeben hatte. Einige der weniger konstruktiven Kommentare kamen von Frauen, die zum Teil wohl selbst der muslimischen Community angehören. Einige ihrer Kommentare haben die Verhüllung einiger der Models kritisiert. Die Rede war von "Nein, das ist nicht der richtige Weg.“ Darum ging es uns in diesem Projekt aber nicht. Einige Kommentare bezogen sich teilweise auf die Unterdrückung der Frauen in bestimmten Ländern, darum ging es mir auch nicht. Es ging nicht um Politik im Ausland, sondern um die Vielfalt innerhalb dieser Community.

 

Als jüngerer Mensch sehe ich es als Aufgabe von mir und meiner Generation, die vorhandenen Plattformen zu nutzen, um die Probleme der Gesellschaft zu thematisieren und dadurch eine bessere Gesellschaft zu kreieren.

 

SWANS: Wer hat dich besonders motiviert? Wer hat dich besonders herausgefordert oder unterschätzt?

 

Kaplan: Meine Eltern haben mich auf jeden Fall immer unterstützt, auch wenn es nicht immer einfach war für sie, meine Ziele und Wünsche nachzuvollziehen. Wir sind auch einfach verschiedene Generationen. Aber ich hatte es da schon einfacher als meine Familie: Ich gehöre zur dritten Generation, meine Mama ist schon hier aufgewachsen. Ich bin in Berlin in den 90er groß geworden. Multikulti war da schon sehr fortgeschritten - damit wurden meine Ziele und Wünsche mehr akzeptiert.


Unterschätzt habe ich mich meist selbst. Früher war ich sehr schüchtern und habe zu den Frauen aufgeschaut, die so sind, wie ich jetzt versuche zu werden. Besonders Frauen mit einem sichtbaren Migrationshintergrund, also auch mit einer ähnlichen Haut- oder Haarfarbe wie ich. In einer Mehrheitsgesellschaft, die hauptsächlich blond und blauäugig ist, fiel ich definitiv auf. Aber Leute, die aussehen wie ich, wurden in Deutschland nie wirklich sichtbar repräsentiert. Ich habe immer nach einem Vorbild gesucht, aber diese Vorbilder waren meist in Amerika und haben Musik gemacht.

 

SWANS: Genau deswegen gibt es jetzt ja unseren Blog! 

 

Kaplan: Vor vier Jahren habe ich dann mit der Fotografie angefangen und meine ersten eigenen Sachen hochgeladen. Es gab durchaus gute Reaktionen, aber ich habe erkannt, dass ich noch mehr Potential hatte und da definitiv Luft nach oben ist. Meine Ideen und Projekte kommen meistens aus meinem inspirierenden Umfeld. Viele meine Freunde haben ebenfalls einen sichtbaren Migrationshintergrund und sind auch in Deutschland geboren. Sie vertreten ihre Meinungen ebenfalls, aber drücken sie auf ihre Art aus - sei es Poetry, Film, Musik oder Tanz. Ich sehe das sehr gerne. Das gibt mir Hoffnung in diese Generation. Das treibt mich an, mit meiner Fotografie weiter zu machen.

 

SWANS: Wie stehst du zur Frauenquote?

 

Kaplan: Als Feministin bin ich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ich verstehe die Intention hinter der Frauenquote, aber ich glaube nicht, dass sie die Lösung ist. Niemand möchte nur eine Stelle bekommen aufgrund irgendeiner Quote. Ich kann aber verstehen, dass zunächst der vorherrschende Status Quo aufgebrochen werden muss.

 

Sie wird in meinem Umfeld auch ständig diskutiert. Das ist total wichtig und gibt mir Hoffnung für die Zukunft, dass wir zu einer aktiven Generation gehören, die die vorherrschende Situation verändern wird.

 

SWANS: Danke für das Gespräch!

 

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