Nari Kahle: "Für mich war es normal, zwischen den Kulturen zu sein - aber nicht immer leicht."

 
Dr. Nari Kahle leitet das Thema soziale Nachhaltigkeit und das xStarters Programm und Team bei Volkswagen. Im Rahmen des Programms fördert Volkswagen Digitalkompetenzen von jungen Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren zum Thema Soziale Innovation.
 
Im SWANS Interview erzählt sie, wie wichtig ihr Internationalität ist. Sie selbst hat unter anderem in Bonn, Seoul, Harvard (USA) und Cambridge (UK) studiert. Das Interview führte Maycaa Hannon.
 

Foto: Nils Rüstmann

 

SWANS: Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?

 

Dr. Kahle: Meine Mutter kommt aus Korea, mein Vater aus Deutschland. Ich bin in Deutschland mit Einflüssen aus beiden Kulturen und Sprachen aufgewachsen. Für mich war es daher normal, zwischen den Kulturen zu sein - aber nicht immer leicht. Insbesondere in Momenten, an denen ich mir gewünscht hätte, nicht auf Grund der sichtbaren Einflüsse herauszustechen. Ich empfand mich nicht anders als meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Dann wiederum war es spannend, Teil beider Kulturen zu sein – beispielsweise, als ich dem koreanischen Präsidenten bei einem Staatsbesuch in Bonn die Blumen überreichen durfte oder wenn ich meine Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen zu Fans der wahnsinnig tollen koreanischen Küche mache und sie nicht genug davon bekommen.

 

SWANS: Wie können wir uns deine Tätigkeit bei Volkswagen vorstellen?

 

Dr. Kahle: Beruflich verantworte ich bei Volkswagen das Thema soziale Nachhaltigkeit und leite unter anderem das xStarters Programm. xStarters bietet jungen Menschen Knowhow zur Entwicklung neuer Ideen, um diese zu sinnvollen Beiträgen für unsere Zukunft zu motivieren. Zum Programm gehören eine xStarters Roadtour durch einige deutsche Schulen, die xStarters Challenge per App für junge Social Makers, sowie ein eigener inspirierender Blog, um für soziale Themen und gesellschaftliche Problemstellungen zu sensibilisieren.

 

Die Leitung eines solchen Programms ist für mich eine tolle Aufgabe, weil wir die Möglichkeiten des Konzerns für etwas sehr Wichtiges einsetzen können: nämlich jungen Menschen digitale Fähigkeiten zu vermitteln und gleichzeitig für soziale Themen zu begeistern – unabhängig von Bildungsstand und Herkunft. Wir arbeiten als eine Art Start-Up in dem großen Konzern, mit allen Vorteilen, aber auch Herausforderungen. Das Ganze mit einem phantastischen Team und Partnern, die alle für dieses Thema brennen und etwas Gutes bewirken möchten.

 

SWANS: Wie war dein bisheriger Werdegang? Die Uni-Erfahrungen, den Berufseinstieg - und wie bist du zu deinem jetzigen Job gekommen?

 

Dr. Kahle: Internationalität war für mich in meinem Umfeld nichts Besonderes. Als ich 17 war, ging ich mithilfe eines Vollstipendiums für ein Jahr in ein Internat nach New York und habe mich in all der kulturellen Vielfalt extrem wohl gefühlt. Besonders angenehm war die Tatsache, dass ich auf die Frage, woher ich denn komme einfach mit Deutschland antworten konnte, was meist mit einem "that’s great" kommentiert wurde, anstelle der sonst eher üblichen Fragen, woher ich denn "wirklich" komme, was denn meine "echten" Wurzeln sind oder warum ich "nicht wirklich deutsch" aussehe.

 

Auch später, während des Studiums, war es mir wichtig, einen Teil der Zeit in der koreanischen Hauptstadt Seoul zu verbringen, um mein Koreanisch zu verbessern und die spannende Stadt zu erleben. Daneben waren aber auch Boston in den USA oder Cambridge in England Stationen, die mir sehr wichtig waren und an denen ich mich immer sehr wohl gefühlt habe.

 

Nach der Promotion eingestiegen bin ich erst in eine Beratungsgesellschaft der Deutschen Telekom Gruppe und habe mich dort vielen Themen gewidmet, die mir auch heute noch besonders wichtig sind: Soziale Verantwortung, Digitalisierung, Innovationen und Unternehmenskultur sind Themen, denen ich nach wie vor treu geblieben bin.

 

Im Anschluss wollte ich eigentlich meine Themen bei einem Technologieunternehmen weiter voranbringen und hatte dort ein spannendes Angebot vorliegen. Ein damaliger Beratungskunde wollte mich allerdings gerne in den Volkswagen Konzern abwerben. Ich habe daher die Vorstellungsgespräche nur ihm zuliebe wahrgenommen und ihm das auch so kommuniziert. Allerdings hat mir mein damals zukünftiger Chef bei Volkswagen so imponiert, dass ich dann diese Gelegenheit ergriffen und mich recht kurzfristig umentschieden habe.

 

SWANS: Wer  hat immer an dich geglaubt? Wer hat dich unterschätzt?

 

Dr. Kahle: Mein Mentor aus damaliger und heutiger Zeit ist für mich eine sehr wichtige Person, die mir in einigen Situationen doch mehr zugetraut hat als ich mir selber in diesem Moment. Mein erster Vorgesetzter bei Volkswagen ist ebenfalls ein toller und für mich sehr wichtiger Mensch, der mich immer gefördert und mir viel Vertrauen zu allen wichtigen und sehr vertraulichen Unternehmensthemen geschenkt hat. Nicht zuletzt hat ganz maßgeblich mein bester Freund seit meiner Kindheit, der mittlerweile mein Mann ist, mich immer unterstützt, jede Herausforderung mit mir besprochen und mich immer mit einem guten Blick darauf gestärkt.

 

SWANS: Wie stehst du  zur Quotendiskussion?

 

Dr. Kahle: Ich wünschte mir, dass es die Frauen-Quote nicht geben müsste. Schließlich müsste Gleichberechtigung schon lange eine Selbstverständlichkeit sein. Solange wir aber feststellen, dass es ein starkes Ungleichgewicht gibt, scheint es aber Justierungsbedarf zu geben. Für mich ist die Quote daher ein temporäres und leider noch notwendiges Tool, bis wir deutlich mehr weibliche Führungskräfte und Vorbilder in Deutschland haben als noch heute.


SWANS: Welchen Tipp gibst du an jungen Studentinnen bzw. Absolventinnen?

 

Dr. Kahle: Wir leben heutzutage in einer deutlich globaleren, bunteren, internationaleren und heterogeneren Welt als noch vor einiger Zeit. Es ist daher unbedingt notwendig, dass wir uns die Schönheit dieser Vielseitigkeit bewusstmachen. Dass wir stolz darauf sind, zu diesem vielfältigen Mosaik beitragen zu können und uns nicht in ein vorgegebenes Korsett zwängen lassen. Dass wir uns nicht vermitteln lassen, dass wir nicht in den Standard passen und dass wir die Andersartigkeit von uns und von unseren Mitmenschen schätzen. Denn damit gewinnen wir alle, egal von welcher Herkunft.

 

SWANS: Danke für das Gespräch!

 

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