Sabrina Spielberger: "Ich habe mich schon während des Studiums in männerdominierten Bereichen bewegt"

 

Sabrina Spielberger ist Geschäftsführerin von digidip. Mit dem Start-Up führt sie in über 40 Ländern Onlinehändler mit Webseitenbetreibern zusammen. Bevor sie mit 28 Jahren digidip gegründet hat, war sie selbst Modebloggerin.

 

Im SWANS Interview erzählt sie von ihrer Zeit als "die Exotische" auf dem Gymnasium, von der harten Schule der Kaltakquise und warum sie überzeugt ist, dass die Quote kommen muss. Das Gespräch führte Maycaa Hannon.

 

 

SWANS: Frau Spielberger, wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?

 

Spielberger: Meine Eltern sind Ende der 1970er aus Kabul, Afghanistan, nach Deutschland geflohen. Das war zu Zeiten der sowjetischen Intervention. Damals hatten sie schon zwei Kinder, meinen Bruder und meine Schwester, beide gerade mal zwei, bzw. ein Jahr alt.

 

Ich bin im Saarland geboren, wir sind aber in meinem ersten Lebensjahr nach München gezogen und so bin ich in Bayern aufgewachsen. Da wir eher in einer sozial schwachen Gegend in München gewohnt haben, kann ich nicht sagen, dass ich im Kindergarten und in der Grundschule die einzige mit dunklen Haaren war. Das war erst der Fall, als ich dann auf das Gymnasium in einem anderen Bezirk gekommen bin.

 

Zwischenmenschlich war das nie von Nachteil, ich war dann zwar die Exotische mit den dunklen großen Augen, die am Anfang vielleicht skeptisch beäugt wurde. Aber da ich nicht schüchtern war, sondern ganz im Gegenteil, immer auf Leute zugegangen bin, hatte ich nie Probleme, Freundschaften zu schließen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich selbst nie als „Ausländerin" gesehen und mich daher auch nie wie eine Minderheit verhalten habe.

 

SWANS: Ist das Problem nicht weniger die Selbstwahrnehmung, sondern die Fremdwahrnehmung als "Ausländerin"? Wie verhält man sich wie eine Minderheit?

 

Spielberger: Damit meine ich, dass ich nie in einen Raum gegangen bin und direkt nach Leuten geschaut habe, zu denen ich hingehören könnte. Andere haben das so gemacht und haben sich damit "gruppiert". Ich habe mich dazugesellt, wo ich wollte und nicht, wo ich "besser hingepasst" hätte. Hätte ich mich aufgrund meiner Herkunft oder meines Geschlechts zurückhaltend verhalten, würde ich mich heute schuldig dafür fühlen und wäre heute nicht da, wo ich jetzt bin. 

 

SWANS: Wer hat immer an Sie geglaubt? Wer hat Sie unterschätzt?

 

Spielberger: Wer früher immer an mich geglaubt hat, war definitiv mein Vater. Ich kann mich noch daran erinnern, dass er, seit ich klein war, immer die Person war, mit der ich meine Erfolge als Allererstes geteilt habe. Das lag wohl daran, dass er diese immer am lautesten mit mir gefeiert hat.

 

Ich weiß noch, als ich mit 20 Jahren im Rahmen meines Jobs in einer IT-Redaktion vor dem Studium, Co-Autorin eines Buchs über UMTS sein durfte. Er hat extrem stolz das Buch mit meinem gedruckten Namen gemustert und stand 

von da an hinter all meinen Entscheidungen für meine Zukunft.

 

Unterschätzt habe ich mich trotz all dem selbst immer. Anfangs stand ich mir selbst im Weg, dachte immer „Was bringt das, ein anderer kann es doch sowieso besser" obwohl es gar nicht darum geht, die Beste zu sein, sondern einfach 

nur darum, etwas auszuprobieren, bis man das gefunden hat, was einem gefällt. 

 

SWANS: Hat Sie jemand besonders gepusht oder es Ihnen schwer gemacht?

 

Spielberger: Gepusht haben mich früher immer meine Geschwister, vor allem meine ältere Schwester, der es immer wichtig war, dass wir das Beste aus uns und unserer Zeit machen. Sie hat immer fest darauf bestanden, dass meine kleine Schwester und ich studieren und andere Länder kennenlernen, immer tolerant bleiben und selbstständig denken.

 

Ich habe auch einen älteren Bruder, der jeden Erfolg feiert und uns immer unterstützt, aber die Frauen in meiner Familie sind in der Überzahl. Generell 

besteht meine ganze Familie aus extrem starken Frauen und gebildeten, toleranten Männern, die hinter diesen Frauen stehen und sie immer unterstützen. Das kommt mir heute extrem zugute und es bestärkt mich jeden Tag, zu sehen, dass solche inspirierenden Frauen mit einer offenen Mentalität in unserer Gesellschaft immer mehr in den Vordergrund rücken.

 

SWANS: Wo war es für Sie besonders schwer/einfach?

 

Spielberger: Ehrlich gesagt war ich froh, Schule und Studium beendet zu haben, weil ich endlich arbeiten wollte. Spätestens nach meinem ersten Praktikum bin ich vor Ehrgeiz fast geplatzt, ich habe einfach viel besser in die Praxis als in die Theorie gepasst.

 

Das galt aber auch schon für meine Nebenjobs während Schule und Studium: Egal ob im Einkaufszentrum am Wochenende oder im Sonnenstudio unter der Woche nach der Schule, damit ich mir den Führerschein endlich leisten konnte. Ich habe jeden Job mit absoluter Hingabe und Perfektion ausgeführt, weil es mir immer 

wichtig war, dass die Kunden und meine Vorgesetzten meine Leistung schnell zu schätzen wussten. 

 

SWANS: Wie stehen Sie zur Quotendiskussion?

 

Spielberger: Es ist grundsätzlich ein Armutszeugnis, dass man heute über die Quote überhaupt noch sprechen muss, nicht nur in unserem Land. Ich hoffe, dass es irgendwann Standard ist, dass es mehr Frauen in Führungspositionen gibt.

 

Dasselbe gilt aber noch mehr für Frauen mit Migrationshintergrund. 

Spätestens unsere Generation hat längst bewiesen, dass wir auch smarte Frauen unter uns haben, deren Eltern ihre erste Heimat aufgegeben haben, damit ihre Kinder in ihrer neuen, zweiten Heimat eine bessere Chance haben. Genau dafür ist die Quote, gerade in der derzeitigen Stimmung im Land wichtig: Damit es endlich öffentlich und für alle sichtbar ist und Vorbilder geschaffen werden, welche die jüngeren Generationen dringend brauchen.

 

SWANS: Welche Rassismus/Sexismus Erfahrungen haben Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn gemacht?

 

Spielberger: Wenn es solch eine Diskriminierung während der Gründung von digidip gegeben hat, dann habe ich sie bestimmt auf andere Faktoren geschoben, zum Beispiel, dass es ein Start-up ist und dann noch im Bereich AdTech, bei dem man nicht auf den ersten Blick sieht, um was es geht und man deswegen 

nicht so ernst nimmt, was ich damit mache.

 

Ich habe schon während meiner Praktika vor und während des Studiums angefangen, mich in Bereichen zu bewegen, die eher von Männern dominiert 

sind, vorrangig im IT-Bereich. Da mir das Technische aber nie lag, habe ich mich auf Vertrieb konzentriert und damit sämtliche Erfolge nach Hause geholt, damit auch den Respekt meiner Vorgesetzten, Kollegen und Geschäftspartner.

 

Es gab eine Zeit, da musste ich Business Seats in der Allianz Arena für den TSV 1860 München mittels Kaltakquise an Anzeigenkunden einer großen Tageszeitung verkaufen, die zu 95% Fans vom FC Bayern waren – das war ein Ding der 

Unmöglichkeit, aber meine Abschlussquote war eine der besten im Team, was niemand gedacht hätte. Das war harte Vertriebsschule, aber hat verdammt viel Spaß gemacht. 

 

SWANS: Welchen Tipp haben Sie für Studentinnen bzw. Absolventinnen?

 

Spielberger: Allen Studentinnen würde ich raten, so viel praktische Erfahrung wie möglich zu sammeln, damit sie rechtzeitig wissen, was ihnen Spaß macht und ihre Zeit nicht mit schlechten Jobs vergeuden. Abgesehen davon sollte jede Studentin oder Absolventin, wenn sie die Chance hat, versuchen, eine Weile im Ausland zu studieren/leben/arbeiten.

 

Jeder Absolventin würde ich raten, hart zu arbeiten. Ich glaube fest daran, dass sich harte Arbeit am Ende immer auszahlt und dass der Respekt und die Anerkennung dafür früh genug kommen - unabhängig von Geschlecht und Abstammung.

 

 

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