Tijen Onaran: „Mach dir klar, wofür du stehst“

 

Tijen Onaran hat an der Universität Heidelberg Politische Wissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht studiert. Neben ihrem eigenen politischen Engagement unterstütze sie Silvana Koch-Mehrin und Guido Westerwelle in ihren Kampagnen. Im Jahr 2016 hat sie Women in Digital e.V. gegründet, dann  die Global Digital Women.  Ihr Motto ist „Making the world more digital and female“.

 

Im Interview mit SWANS erzählt sie, was ihr ihre Eltern mit auf den Weg gegeben haben, wie Frauen von der Digitalisierung profitieren können und teilt mit uns ihre besten Tipps zum Netzwerken. Das Gespräch führte Maycaa Hannon.

 

SWANS:  Was hat deinen Werdegang geprägt?

 

Onaran: Da ich lange in der Politik gearbeitet habe, hat mich das sehr geprägt. In meiner Arbeit für verschiedene Abgeordnete, sei es auf europäischer oder nationaler Ebene, habe ich Dinge wie Netzwerken, Expertin werden für ein Thema oder vor anderen Menschen sprechen und dabei gute Rhetorik nutzen und eloquent sein gelernt.

 

Das waren keineswegs natürliche Instinkte für mich, die ich aus dem Elternhaus mitbekommen habe. Deswegen bin ich dankbar über meine anfängliche Arbeit in der Politik, es war wie ein gutes Assessment Center. Ich konnte mich dort warmlaufen und mir  somit ganz viele Kompetenzen aneignen.

Ich hatte diverse andere Stationen durchlaufen, ich war zum Beispiel bei einer Hochschule und bei Verbänden, meist habe ich den Kommunikationsbereich aufgebaut und geleitet.

 

Vor drei Jahren habe ich mich selbstständig gemacht, auch im Kommunikationsbereich und der PR-Beratung. Im Zuge dessen, aber auch vorher schon, habe ich Frauen aus meinem Umfeld zusammengebracht. Ich habe eine Plattform gesucht, wo ich spannende Frauen treffe und dabei festgestellt, dass ich eigentlich selber ganz tolle Frauen in meinem Umfeld habe. Damit war die Entscheidung gefallen, und ich nahm es selber in die Hand. Global Digital Women bringt Frauen aus der Digitalbranche zusammen, egal ob sie Gründerinnen von Start-ups sind, Mitarbeiterinnen in Konzernen oder im Mittelstand, die Innovationen vorantreiben. 

 

SWANS: Wenn wir in die Kindheit zurückschauen, wer hat dich immer unterstützt? Wer hat nicht an dich geglaubt?

 

Onaran: Vorab gesagt, ich war nicht die fleißigste Schülerin. Ich hatte extrem viel zu tun in meiner Schulzeit, aber nicht mit der Schule. Viel meiner Aufmerksamkeit habe ich in meine Freizeit gesteckt. Sobald ich mit 16 anfangen durfte zu arbeiten, habe ich die Chance sofort genutzt, da ich immer unabhängig sein wollte von meinen Eltern. Das hat bei einigen Lehrern den Eindruck hinterlassen, ich hätte ganz viel Quatsch im Kopf, aber nicht den Quatsch der Schule. Somit haben sie sich nicht gerade für mich eingesetzt. Im Nachhinein denke ich mir, Motivation mitgeben ist etwas, was man pädagogisch draufhaben sollte als Lehrer. 

Deswegen habe ich meine Motivation immer aus der Umwelt gezogen.

 

Wer extrem an mich geglaubt, mich inspiriert und motiviert hat, waren meine Eltern. Sie haben mir wiederholt versichert, dass ich meine Ziele schaffen werde. Das „Du schaffst das“ ist eine Grundvoraussetzung, die ich gerne anderen weitergeben möchte. Der Selbstglaube an sich, immer zu wissen, man kriegt alle Situationen hin - mal mehr, mal weniger, aber es geht immer irgendwie weiter. 

 

SWANS: Und in der Politik hast du dann umgesetzt, was deine Eltern dir mitgegeben haben?

 

Onaran: Das stimmt, in der Politik habe ich das How-to gelernt. Also, wie geht man das strategisch an? Wie funktioniert das, dass man Allianzen und Koalitionen bildet? Wie gewinnt man Leute für seine Interessen?

 

Aber der Grundstein am Ende des Tages waren tatsächlich mehr meine Eltern. Sie waren in Karlsruhe super vernetzt. Wenn die eine Hälfte der Stadt meinen Vater kannte, dann kannte die andere Hälfte meine Mutter. Beide haben eine ganz andere Art und Weise, auf Leute zuzugehen.  Während meine Mutter eine sehr charmante Art hat und jeden für sich gewinnen kann, ist mein Vater sehr direkt. Er ist sehr intellektuell und hat viel in seine Bildung investiert. Seine Gespräche leben sehr von den Zielen, Inhalten und Werten.

 

Mit beiden Beispielen aufzuwachsen war sehr bereichernd. Von meiner Mutter habe ich gelernt, wie ich ohne Vorurteile auf Menschen zu gehe und das Gute sehe, von meinem Vater habe ich die Notwendigkeit der Investition in Bildung gelernt und dass Bildung ein wichtiges Fundament ist. 

 

SWANS: Was empfiehlst du aus deiner Erfahrungen zum Aufbau eines Netzwerks?

 

Onaran: Mein erster Tipp: Gehe alleine auf die Veranstaltung. Sehe es als Challenge und traue dich, alleine in ein Raum zu gehen, der voller Menschen ist, die du nicht kennst und versuche, mit denen ins Gespräch zu kommen. Ein Aufhänger der Veranstaltung kann dabei als Einstieg dienen. Wenn man zu zweit geht, gerade wenn man die andere Person gut kennt, dann hängt man mehr miteinander und verpasst die Chance, andere Leute kennen zu lernen.

 

Der zweite Tipp beim Netzwerken ist, die digitalen Medien zu nutzen. Das Internet demokratisiert ein Stück weit unsere Gesellschaft: Potenziell haben alle Zugang und könnten sich mit allen vernetzen. Dafür sind die ganzen beruflichen Netzwerke auch da - ob Linkedin, Xing oder Twitter.

 

Der dritte Tipp ist, sich klar zu werden, wofür man steht. Was sind die Themen, für die man sich interessiert? Beim Netzwerken kommst Du an den Punkt, wo Du Dich  fragst, was kannst du mir bieten, was kann ich dir bieten? Was können wir gemeinsam auf die Beine stelle? Dafür ist es notwendig zu erkennen, in welchen Themen man fit ist, interessiert ist oder sogar eine Leidenschaft für hat. Es ist wichtig, das auch zu zeigen, zum Beispiel indem man Artikel auf sozialen Medien teilt oder Menschen anschreibt, die man spannend findet oder die eine Inspiration für einen selber ist. 

 

 SWANS: Wie stehst du zur Frauenquote?

 

Onaran: Ehrlich gesagt bin ich kein großer Fan. Aber so geht es mir generell mit Quoten. Ich glaube, dass die Frauenquote zunächst Türen öffnen kann, aber längerfristig nicht wirken wird. Es wäre besser dort anzusetzen, wo man die Unternehmenskultur verändern kann. Für mich bleibt dabei die Frage, ob ich die Unternehmenskultur durch die Quote ändern kann. Aber längerfristig halte ich mehr davon, endlich gute Förderprogramme für Frauen zu haben.

 

Es ist ein Wandel zu beobachten, es wollen nicht mehr viele Menschen um jeden Preis in Führungspositionen. Führung wird meist in Verbindung gebracht mit unverhältnismäßigen Arbeitszeiten und einem Verlust von Privatleben. Deswegen ist es auch an der Zeit, an verschiedene Führungsmodelle zu denken, in denen die Bedürfnisse von diverseren Talenten auch berücksichtigt werden. Die verschiedenen Arbeitszeitmodelle etwa waren ein super Erfolg. Auch die Art der Führung hat sich in den letzten Jahren verändert. Das extrem hierarchische Modell ist inzwischen sehr veraltet, es geht immer mehr in Richtung Team-Entscheidungen und Hierarchie-übergreifendes Arbeiten. Frauen haben von Natur aus einen stärkeren Instinkt für Team Arbeit und Inklusion, die neuen Führungsformen sind damit sehr gut kompatibel.

 

Die Digitalisierung zum Beispiel führt zurzeit zu neuen Berufsbildern, dort werden immer weniger Fachexperten gesucht, sondern mehr Menschen, die generalistisch arbeiten. Arbeitsplätze in der Digitalisierungswelle leben von Innovation, und damit ergeben sich Chancen, die Jobs inhaltlich zu füllen. Studien haben gezeigt, dass Unternehmen, die diverser aufgestellt sind, auch erfolgreicher und authentischer sind. Das können Frauen sich in Zukunft gut einbringen.

 

SWANS: Danke für das Interview!

 

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