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  • fgiuliano4

Awa Said: „Ich war Klassenbeste, aber das zählte nicht.”



Awa ist Account Director bei LinkedIn und berät Unternehmen, wie sie ihre Recruitingstrategien digitaler und diverser gestalten sowie ein inklusives Arbeitsumfeld schaffen können. Zudem engagiert sie sich in Beschäftigten-Initiativen (ERG) und im Social Impact Team bei LinkedIn. Dort betreut sie ein Pilotprojekt, bei dem benachteiligte Menschen gefördert werden. Wichtig ist ihr ein intersektionale Ansatz, der berücksichtigt, wenn Menschen aufgrund mehrerer Diskriminierungsfaktoren gleichzeitig benachteiligt werden.


SWANS: „Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?”


Awa: „Ich bin in den 80ern größtenteils in einem sogenannten Arbeiter:innenviertel in Kiel-Gaarden aufgewachsen. Die Zeit hat mich sehr geformt, weil wir die erste größere Generation an migrantisierten Kindern waren, die ihren Weg finden mussten. Hip Hop war hier ein gemeinsamer Nenner und eine Art Ventil. Ich habe z.B. Breakdance getanzt. Trotz aller Gemeinsamkeiten gab es damals sehr wenige Afrodeutsche, was dann natürlich noch einmal etwas Besonderes war. Wir hatten aber viele afrikanische Student:innen, so wie mein Vater auch, die sich in Vereinen organisiert hatten. Darüber hinaus hatte ich auch das Glück, bereits mit acht Jahren in die zweite Heimat fliegen zu können, was sehr guttat.”


SWANS: „Wie verlief dein beruflicher Werdegang?”


Awa: „Ich bin nach meinem Abitur nach Frankreich gegangen und habe mein Grundstudium in angewandten Fremdsprachen und Betriebswirtschaft absolviert. Das war noch alles vor dem Bolognaprozess und ich habe meine Credits an einer Uni in Großbritannien anrechnen lassen, um nach einem Jahr meinen Bachelor zu erhalten. Im Anschluss habe ich dort auch meinen Master in Wirtschaftsrecht angefangen und mit einem Postgraduate Diploma abgeschlossen. Mein Studium und Aufenthalt waren selbstfinanziert und ich hatte viele Nebenjobs. Fun Fact: Ich trug damals noch kein Kopftuch und hatte sogar Modeljobs.


Nach meinem Abschluss wollte ich die Familie in Guinea besuchen und dachte mir, dass das eventuell viele Fragen aufwerfen könnte, wenn ich ohne Plan dastehe. Unter anderem aus diesem Grund habe ich mich um ein Praktikum im Account Management bei einer Airline beworben, das ich nach meiner Rückkehr anfangen konnte. Aus dem Praktikum sind dann 15 Jahre in verschiedenen Positionen geworden, mit drei Unterbrechungen, in welchen meine Kinder zur Welt kamen.


Parallel habe ich den Ausgleich in diversen Nebentätigkeiten gesucht, wie ein eigenes kleines Modest Fashion Label. Während Corona lag dann alles still und vor allem der corporate Travel Sektor, in dem ich tätig war, kam zum Erliegen. Ich habe die Zeit genutzt, um mich umzuorientieren, und u.a. ein Coding Bootcamp besucht.


In diesem Zuge habe ich mich mit der Digitalisierung ausgesetzt. So bin ich als Account Direktorin bei LinkedIn gelandet und helfe Unternehmen, ihre Employer Branding Strategie, Talent Acquisition sowie Management zu digitalisieren. Momentan tut sich sehr viel auf dem Arbeitsmarkt und es ist spannend, an solchen Themen mitzuwirken.”


SWANS: „Du hast in UK studiert und ausschließlich in internationalen Unternehmen gearbeitet - inwiefern unterscheiden sich dort deiner Erfahrung nach Haltung, Diskurse und Umgang mit den Kopftuch zu denen in Deutschland?”


Awa: „Mein Umzug nach Großbritannien war diesbezüglich ein Game Changer, ebenso wie die Erfahrung, für ein angelsächsische Unternehmen zu arbeiten, in welchem Equity und Belonging großgeschrieben werden. Wie bereits erwähnt, habe ich einige Jahre in Frankreich verbracht und erst in Großbritannien erleben dürfen, was Repräsentation auch im beruflichen Kontext ausmachen kann. Dort habe ich Hijabis als Bankangestellte oder Polizisten mit Sikh-Turbanen gesehen, das komplette Gegenteil zu Frankreich, wo der Umgang mit Diversität noch einmal ein ganz anderer ist, oder auch hier zu einem gewissen Ausmaß.


Das musste ich leider auch bei meinem ehemaligen Arbeitgeber erleben, wo mir aufgrund meines Kopftuches untersagt wurde, Kundenbesuche zu machen oder in die Zentrale zu fahren. Gleichzeitig schreibt man sich hier neuerdings Diversität groß auf die Fahne und ich denke, das ist exemplarisch für die Situation in Deutschland. Es besteht die Tendenz, sich vorrangig und höchstens um Gender Diversity nach außen zu bemühen und weder intersektional zu denken, noch sich mit den inneren Strukturen auseinanderzusetzen.

Deswegen tut es gut, wenn man sieht, dass gewisse Werte und Lebensweisen eben nicht unvereinbar sind, auch wenn es hier im öffentlichen Diskurs häufig polemisiert und anders dargestellt wird. Naika Fouroutan oder Aladin El Mafaalani beschreiben es diesbezüglich sehr gut, dass sich bestimmte Konflikte und Konfliktlinien erst auftun, weil wir eben „integriert“ sind.”


SWANS: „Hast du dich in deinem Leben eher unterschätzt gefühlt oder wurdest du wertgeschätzt?


Awa: „Definitiv eher unterschätzt, das habe ich sehr früh gemerkt. Ich erinnere mich zum Beispiel noch genau, wie unsere Grundschulklasse geteilt wurde und alle, die nur irgendetwas Migrantisches hatten, unabhängig von der Leistung in eine Art Förderunterricht gesteckt wurden. Ich war damals schon Klassenbeste, das zählte trotzdem nicht, weil der andere Faktor eben ausschlaggebend war. Es gab immer Momente, in denen wir betroffenen Kinder gewisse Situationen genau wahrgenommen und die Regeln verstanden haben – allerdings alle für sich, weil uns die Worte dafür fehlten oder sie es teilweise noch nicht gab.

Ich glaube, dass viele dieses Gefühl nachempfinden können, dass ein bestimmter Platz, der von der Gesellschaft eben nicht wertgeschätzt wird, für einen selber vorgesehen ist, und es einfach nicht ins Bild passt oder gewünscht ist, sich außerhalb dessen zu bewegen. So werden auch regelmäßig meine guten Deutschkenntnisse bewundert und gefragt, wie lange ich in Deutschland sei. Ich möchte allerdings ganz klar betonen, dass diese Bewertung nach klassistischen Kriterien erfolgt und wir als Gesellschaft auch hinterfragen sollen, was bzw. wen wir wertschätzen und vor allem warum.”


SWANS: „Auf welche Hürden, die du gemeistert hast, bist du besonders stolz?”


Awa: „Stolz würde ich vielleicht nicht unbedingt sagen. Ich weiß, dass mein beruflicher Erfolg auf sehr viel Eigenleistung beruht, da ich in meinem Werdegang häufig mehr beweisen musste als ein Jan oder eine Lisa. Auf der anderen Seite ist mir bewusst, dass es auch Glück ist, den vorgegebenen Strukturen zu entkommen, wofür ich dankbar bin.


Ich möchte das erwähnen, weil ich mich nicht mit dem Narrativ anfreunden kann, dass man nur hart genug arbeiten muss, und man es dann schafft. Das Konzept einer Meritokratie oder einer Leistungsgesellschaft ist vielleicht wünschenswert, allerdings fehlt hier ganz klar die Anerkennung, welche Bedeutung Privilegien in diesem Zusammenhang haben. Es gibt nämlich leider viel zu viele, die hart gearbeitet haben und eben keinen Erfolg hatten.

Ich würde es also eher als ein saturiertes Trotzgefühl beschreiben, dass ich trotz allem ein selbstbestimmtes Leben führe, was von einem Teil der Gesellschaft nicht für jemanden wie mich vorgesehen war. Um im Hip Hop zu bleiben, wenn es ein Lied gibt, was dieses Lebensgefühl widerspiegelt, wäre es „Juicy“ von Notorious B.I.G…. natürlich ohne Drogen, Champagner etc.


Ich versuche einfach, die Person zu sein, die ich früher gebraucht hätte, und die zu werden, auf die diejenigen stolz wären, die die ganze Vorarbeit geleistet haben, um Menschen wie mir peu à peu die Tür zu öffnen. Und ich habe das Gefühl, dass ich diesem Ziel näherkomme, was mich extrem freut.”


SWANS: „Wie stehst du zu Quoten als Maßnahme, um gerechte Teilhabe zu fördern?”


Awa: „Wir hatten lange genug auf Freiwilligkeit gesetzt und das hat erwiesenermaßen wenig gebracht. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, kann es z.B. bis zu 120 Jahre dauern, bis wir einen paritätischen Frauenanteil in deutschen Vorständen haben. Und das würde dann vermutlich nicht einmal intersektional sein. Allerdings sollten wir zusätzlich auch an den Rahmenbedingungen arbeiten, die eine Teilhabe ermöglichen und nicht die Strukturen replizieren, die bisher Inklusion von marginalisierten Menschen verhindert haben.”

SWANS: „Was für einen Ratschlag oder Tipp willst du unseren Schwänen mitgeben?”


Awa: „Ich hatte die Ehre, einige der Schwäne kennenzulernen, und bin begeistert von ihnen. Deswegen weiß ich wirklich nicht auf Anhieb, was man ihnen noch empfehlen sollte, da ich z.B. eher Unternehmen raten würde, wie sie solche Talente finden und halten können. In meiner Erinnerung ist aber für viele Schwäne der soziale Aufstieg ein Thema. Hier waren bei mir immer Angst und Unsicherheit ein großer Begleiter. Ich würde die Schwäne in diesem Zusammenhang bestärken, dass sie sich mit ihren Ängsten auseinandersetzen. Zum einen kann es wichtig sein anzuerkennen, dass es valide Gründe für die Ängste gibt, vor allem wenn es an Sicherheiten und Privilegien fehlt. Das ist z.B. auch ein wichtiger Faktor bei Gehaltsverhandlungen. Zum anderen kann man aber auch nach vorne schauen und nach Lösungen in worst-case Szenarien überlegen. Das eröffnet einem dann Auswege und verdeutlicht, dass, selbst wenn Ängste nicht unbegründet sind, es dennoch realistische Möglichkeiten gibt, ihnen zu begegnen, falls sie eintreffen. Abschließend vielleicht noch ein Tipp zum Thema Personal Branding, das ganz großgeschrieben wird, mit welchem aber viele sich schwertun.

Es gibt ein Zitat von Brené Brown: „If you own your story you get to write the ending“ und dieser Perspektivwechsel kann ermutigend sein, warum es wichtig sein kann, die eigene Geschichte zu erzählen. Das sind vielleicht alles keine „Lean In“ Tipp, kommt aber vermutlich den gelebten Realitäten etwas näher.”

SWANS: „Vielen Dank für das Gespräch!”

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